Donnerstag, 28. Februar 2008

4 Wochen Westafrika – Marokko, Mauretanien und Senegal

Geschlagene vier Wochen sind wir nun bereits in Afrika! Und uns geht es blendend! Hier eine kurze Länderpräsentation:

Marokko
Hier hat es alles, was das Herz begehrt: Meer, Berge, paradiesische Mandel- und Palmenhaine, Wüstenlandschaften und unglaublich feines Essen. Neben all dem gibt es eine Menge „Crooks“, die umso anhänglicher sind, je mehr europäische Sprachen sie beherrschen. Deshalb kamen wir oft aus Lichtenstein; 80% der Schlepper und Touristenabzocker sind dann aufs erste „erledigt“, da sie das Land nicht kennen, die Sprache nicht sprechen und aufs erste verwirrt sind.

Mauretanien
Hier gibt es einfach nichts! Sollte auf der Welt einmal eine grosse Sandkrise ausbrechen, was ziemlich unwahrscheinlich scheint, rate ich allen, nach Mauretanien zu ziehen, aber bitte das Wasserpulver dann nicht vergessen…


75% der Autos sind ausrangierte Mercedes, die in den 70er, 80er und 90er Jahren von Europa nach Afrika abgeschoben wurden. Der Begriff „Auto“ muss hier denn auch neu definiert werden: 4 Räder, 1 Motor, 1 Steuerrad – Türen, Scheiben etc. sind Zubehör!


Uns scheint, das Land lebe von Drogen, die von Senegal nach Marokko geschmuggelt werden. Senegal ist Kokain-Abnehmer Nr. 1 von Südamerika. Wer hier die nötigen Bekanntschaften hat und die nötigen „petits cadeaux“ „überbringt“ hat leichtes Spiel. Ein Beispiel: Der berühmt-berüchtigte Grenzposten in Rosso nach Senegal ist normalerweise von 12-15 Uhr geschlossen.


Wer das nötige Kleingeld aufbringt, kann trotzdem passieren. Einen gewitzten Kokain-Transporteur haben wir auch kennengelernt…nein danke, so naiv sind wir auch wieder nicht!

Senegal
Hier ist die Welt wieder fruchtbarer und farbiger. Doch damit sind wir auch schon beim leidigen Thema: Fliegen! Senegal – auf Fliegen bezogen ein riesiger Miststock! Hier beginnt Schwarzafrika!


Und immer wieder das gleiche Thema: Touristen-Abzocke! Ich komme mir vor wie eine riesige Melk-Kuh, die rund um die Uhr Milch spenden sollte. Mann kann hier den Preis für eine Dienstleistung vorher genau abmachen und am Schluss fängt die Diskussion wieder von vorne an…Preise für Lebensmittel werden locker verdreifacht. Kinder sind da ehrlicher: Sie sagen offen, dass sie Geld wollen.
Noch was für alle Umweltingenieure: Wer einmal arbeitslos sein sollte, kann in Westafrika ein Abfall-Business der Superlative starten. Ihr werdet nie mehr arbeitslos sein und wenn ich all den Metallschrott sehe, werdet ihr sogar reich sein.



Nun noch was für alle, die meinen, Senegalesen leiden Hunger. Falsch! Und trotzdem steigen sie in das tödliche Boot nach Europa oder auf die Kanaren (1 Platz kostet ca. 1200 Fr.) Jährlich schaffen es ca. 1500 Senegalesen nach Europa. Wenn jeder pro Monat 100 Euro nach Hause schickt, gibt dies 1.8 Mio. Euro pro Jahr mehr, die direkt an die Familien fliessen. Nicht wenig für Senegal! Die Leute hier arbeiten wenig bis gar nicht, denn wer hier ehrlich arbeitet, wird gnadenlos ausgenommen: Staat, Familie, Verwandte; 2-3 Tage nach der Monatslohnzahlung (ca. 100 Euro) bleibt ihm nichts mehr...warum dann arbeiten gehen?
Und noch was für Rüdi: Wenn der Markt in Katima Mulilo (Namibia) der Ursprung aller Krankheiten darstellt, dann ist das Fischtrockungsviertel in St. Louis das plastisch und geruchlich dargestellte Ende der Menschheit.

Maroccan Impressions


Farbpulver in den Souks (Markt) von Chefchauen


Noch einmal das malerische Städtchen Chefchauen


Die typischen Gewürzpyramiden der unzähligen Epiceries in Fès


Die marokkanischen Alltagsschuhe: Babouches aus Leder in allen Farben


Im Färbersouk von Marrrakech


Minzentee mit unheimlich viel Zucker gehört wie in ganz Marokko auch auf dem Dema el Fna (Hauptplatz in Marrakech) dazu


Berber beim all morgendlichen Tee


Afrikanische Grossväter am Plaudern


Beim Tischler in den Gässchen von Marrakech


Harte Arbeit im Gerberviertel Chuwara in Fès


Datteln gehören in Marokko einfach dazu: Grösse und Qualität haben ihren Preis


Auf dem Feuer zubereitete Tachijn-Gerichte: Das Nationalgericht Marokkos. Bestimmt keimfrei!


Beim selbsternannten „Herboriste“ in Fès. Bärble hätte ihn auf sein zweifelhaftes Wissen prüfen können


Köstliche Fladenbrote mit Schrot, fast so gut wie beim Haug in Frutigen


Oliven in allen Variationen: Bitter, normal oder an spicy Gewürzmischungen


Zwei muslimische „Banditinnen“, sie sind in Marokko häufig anzutreffen


Fès mit seinen 350 Moscheen in der Medina hat wohl die höchste Moscheendichte der Welt. Ist der grosse Galgen wohl ein Mahnmal für den Ungläubigen?


Beim Fussballspiel in Essauira am Strand bei Ebbe. Es wird mit teuren Schuhen, barfuss oder mehrheitlich in Socken gespielt.


In einheitllichem Blau gehaltene Fischer-Barken in Essauira. Der Fisch ist hier köstlich und billig.


Paradiesischer Oasengarten im Dadès-Tal


Grosse Dattelpalmen-Oase in der Nähe von Tinerhir


Anderswo ist der Boden doch erheblich trockener…


Alter Khsar (Lehmdorf) in Ouarzazate, das immer noch bewohnt wird


Oasengärten in Boulmane-Dadès mit grosser Kasbah (Lehmburgen der ehemaligen Pashas) im Hintergrund


Gewitzter Gaukler auf dem Djema el Fna (Platz der Geköpften) in Marrakech. Hier wird der Marokkaner wie der Tourist auf ganz spezielle Art unterhalten.


Weltbekannter Wasserverkäufer auf dem Djema el Fna. Ihn zu fotografieren, kostet normalerweise, ich habs gratis geschafft!


In der Medersa (Koranschule) Ben Youssef in Marrakech. Gewaltiges Haus mit unheimlich schönen Holzschnitzereien und Mosaiken.


Während unserer Zeit in Marokko standen die Mandelbäume gerade in voller Blüte. Eine Pracht!


Innenhof mit Orangenbäumen unseres Riads (altes Haus mit Innenhof in der Medina) in Marrakech. Dieses hier lag in unserem Budget!

Family-Life in Boujdour

Wir haben wieder einmal ein riesiges Glück: Dank Christophs Gotte können wir bereits zum zweiten Mal bei einer marokkanischen Familie den Alltag miterleben.


Boujdour ist eine aus dem Boden gestampfte Kleinstadt mitten in der Westsahara. Younes und Lamia wurden – da sei beim Staat arbeiten und keine wichtigen Beziehungen haben – dorthin versetzt, ca. 1500 km von ihrem Heimatort entfernt. In Boujdour gibt es nichts ausser heissen und kalten Wüstenwinden, Sand, kleine Läden mit dem alltäglich Nötigen, ein paar Cafés, viele Fischer und kilometerlange, menschenleere Strände.


Als wir uns zwei Tage vorher bei Familie Habbech melden, ist es ganz selbstverständlich, dass wir bei ihnen bleiben können. Wir werden am Gare Routière abgeholt und können gleich unser eigenes Zimmer beziehen. In einer marokkanischen Familie muss es ein Zimmer für Gäste geben. Hier fühlen wir uns vom ersten Augenblick an wohl. Younes und Lamia sind beide noch jung und freuen sich darüber, im kargen Boujdour eine Abwechslung zu haben. Die kleine Tochter, 22 Monate alt, hat nach anfänglicher Schüchternheit vor allem an Onkel Christoph (sie nennt uns Onkel und Tante) Freude. Die Freude ist umso grösser, wenn der Onkel im traditionnellen Jallabah (Kleiderüberzug mit Zwerg-Mütze) steckt.


Lamia und Younes tun alles für uns. Hier in der Westsahara sind die Arbeitszeiten anders als im Norden: Beide arbeiten ca. von halb zehn bis halb eins am Mittag – that’s it. Dies ist bei aller Abgeschiedenheit wohl der grösste Vorteil dieses Ortes. Younes ist Militär-Zahnarzt (wegen dem Konflikt um die Westsahara zwischen Marokko und Algerien ist ein grosser Teil der marokkanischen Armee in der Westsahara stationiert) und Lamia ist Ärztin im örtlichen Gesundheitszentrum.
Lamia kocht uns ein marokkanisches Gericht nach dem andern: Harira (Suppe), Tajin (einmal mit Poulet, einmal mit Rind), Sepia-Ringe. Younes zeigt uns den lebendigen Fischerhafen mit ca. 400 Barken und die langen Strände.


Von einem weiteren Verwandten der Familie, Khalid, werden wir zum Tee eingeladen. Seine Frau ist eine Sahari. Sie zeigt uns, wie sie hier den Tee zubereiten (das kann bis zu 6 Stunden dauern) und serviert uns die obligaten drei Runden.

Ausserdem steckt sie mich in ein Sari-ähnliches Tuch, wie es die Frauen hier zu tragen pflegen. Ich kann gut verstehen, dass sich die Frauen hier die Haare unter ein Tuch stecken. Mir flattern sie bei diesem Wüstenwind ständig rund um den Kopf.


Als wir vor der Abreise noch beschenkt werden, sind wir ab soviel Gastfreundschaft erneut leicht beschämt und hoffen, dass die Familie Habbech uns einmal in der Schweiz besuchen kann.

550 km Paris-Dakar mit Mohammed Chahbi

Nachdem wir im „Nachtbus der Ganoven“ von Essauira nach Tan-Tan gesessen hatten und kaum ein Auge zugedrückt hatten (Kurz nach Mitternacht wollte man Mimi von hinten den Rucksack zwischen den Beinen klauen! Die Stirnlampe entlarvte ein Bilderbuch-Spitzbuben-Gesicht… und am Morgen erkannte ich bei Tageslicht fast die halbe Busstation (sogenannte Helfer) von Essauira im Bus. Während der Fahrt wurde an die vorderen Sessel gespuckt und zwei Sitzplätze gingen in die Brüche. Eine wahrlich bewegte Bussfahrt, denn am Morgen gabs dann auch noch einen Sandsturm zu durchfahren), verpassten wir in Tan-Tan den Bus nach Boujdour. Wir wählten daher einen sogenannten „Sept Place“. Das sind normale 5-Platz-Autos, die auf afrikanische Art und Weise sehr ökologisch genutzt werden; vorne 3 und hinten 4 Personen.
Die 550 Kilometer lange Fahrt durch die Wüste ging los. Die ersten 120 km verliefen problemlos, doch dann fing unser Fahrer Mohammed an, sein wahres Gesicht zu zeigen: Da er den Bus einholen wollte, verkrachte er sich bei der Mittagspause dermassen mit einem Taxi-Insassen, dass er kaum wieder losgefahren Halt machte und sie den Konflikt nach dem Recht des Stärkeren lösen wollten. Man musste schlichten. Der Fahrer legte nun seine ganze innere Wut ins Gaspedal. Während Mimi neben mir frisch und froh dahindöste, rief ich all meine Schutzgeister an, um Heil nach Boujdour zu gelangen. Unübersichtliche und wegen Sandverwehungen einspurige Kurven wurden mit 140 km/h einfach geschnitten. Die Raserei gipfelte in einem Rennen mit einem anderen Taxi kurz vor Layoune. Zum Glück gab es dort einen kurzen Halt. Um die Streithähne zu trennen, wurde mit dem anderen Taxi Insassen ausgetauscht. Von nun an ging es gemässigter weiter, doch kurz vor Boujdour wurde es wieder brenzlig: Irgendein marokkanischer Chart-Hit veranlasste die anderen Insassen zum rhythmischen Mitklatschen. Auch unser Fahrer klatschte mit Inbrunst mit. Mit den Knien steuerte er bei 120 km/h! Dazu sang er „Swissriya, swissriya“ (Schweizerin, Schweizerin). Obwohl uns gar nicht ums Klatschen war, mussten wir mittun. Das Lied dauerte eine Ewigkeit. Diesmal verliess ich mich auf sein Können, denn er ist schliesslich seit 32 Jahren im Taxi-Business…und lebt noch!


In Boujdour angekommen, war sein Jähzorn vollkommen verflogen und er war lahm wie die Ente und lud uns sogar zu sich ein, falls wir wieder einmal vorbei kommen sollten.


Nach dem Aufenthalt in Boujdour (siehe oben) geht unsere Reise weiter nach Mauretanien. Ab Dakhla verkehren keine Busse mehr. Nur noch Transporter, in denen man hinten drin die 450 km bis nach Nouadibouh bei gemütlichem Tee und Plaudern verbringt. Arabiasch-Könner erkennen an den Aufschriften, dass das „Büssli“ unter Gottes Segen steht… Nur die unzähligen Autowracks im Niemandsland zwischen den beiden Grenzen erinnern an den schwelenden Westsahara-Konflikt (Landminen!).

Freitag, 15. Februar 2008

Jamila – La jeune fille berbère du désert noir

Wir gelangen mit M’barak in die schwarze Wüste ganz nahe der algerischen Grenze. Hier in dieser Einöde leben Berber-Familien noch wie bei uns vor 100 Jahren. Ein kleines Haus mit Stall für die Schafe und ein Nomadenzelt aus Ziegen- und Kamelwolle sind der ganzen Familie Stolz.


Ein Esel, das Lasttier Marokkos schlechthin, sowie Hühner inklusive einem stolzen Güggel und Kaninchen werden hier gehalten.
Tags hält man sich im Zelt auf, hier ist es angenehm warm und nicht zu heiss.


Jamila, eine der Töchter, ist den Touristen gegenüber sehr aufgeschlossen und hat grosse Freude an der Kamera. Nachmittags webt und knüpft sie mit ihren Schwestern im Zelt an einem Berber-Teppich.



Gegen Abend wird im durch Sandwälle abgegrenzten Garten Wasser gepumpt und über ein ausgeklügeltes Kanalsystem in die Beete geleitet. Hier wächst spärlich Gras für die Schafe, Karotten und Petersilie sowie Kabiskraut. Jeder Halm muss hier dem sandigen Boden abgerungen werden!


Jamila geht nicht zur Schule. Sie hilft daheim auf dem Hof, denn ihre Mutter hat von Morgen früh bis abends spät alle Hände voll zu tun: Brot backen, Jäten, Tiere (Esel, Kaninchen, Hühner, Schafe) füttern, die Töchter beim Teppichweben überwachen, Ziegenhaare spinnen, Hennakräuter sieben, Tee für die Gäste zubereiten. Der Tee ist wie überall hier zuckersüss, was dazu führt, dass viele Marokkaner Diabetiker sind.
Am Abend hilft Jamila der Mutter beim Zubereiten des Couscous.

Die Touristen stellen einen Zusatzverdienst dar und es wird versucht, möglichst viel dabei rauszuholen. Für Fossilien und Stoffkamele sind wir allerdings nicht empfänglich, da wir nicht noch mehr Gepäck mitschleppen wollen. Für ein Henna auf die Hände, ist Milena aber zu haben. Das Henna wird am Feuer getrocknet, das die einzige Wärmequelle in der kalten Wüstennacht ist.

Diese Wüsten-Berber leben im Einklang mit der Natur. Doch die Wasserkanäle sind bereits versalzen. Wie lange kann hier noch so gelebt werden?